Mylène träumt von wahnsinniger/rasender Liebe
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Mylène träumt von wahnsinniger/rasender Liebe
Artikel über Mylène Farmer, in: Paris Match, 8. Dezember 2000 1 Übersetzung durch Peter Marwitz (Juni 2001) Mylène träumt von wahnsinniger/rasender Liebe Sie bringt «Mylenium Tour» heraus, das Abum der größten Show, die jemals in Frankreich gezeigt wurde. Porträt der geheimnisvollsten und heißesten Sängerin. Unverschämter als Madonna vereint der sexy Superstar Charme und Talent. Einige Monate, nachdem sie die wichtigsten Lorbeeren bei den NRJ Music Awards abgeräumt hat, hat Mylène Farmer bei den M6-Awards soeben den Preis für den besten Clip für «Optimistique-moi» erhalten. Die Veröffentlichung des Albums ihrer letzten Tour hat die Ausmaße eines nationalen Ereignisses angenommen: Für den Verkaufsstart blieb der Virgin Megastore auf den Champs-Elysées ausnahmsweise bis 1 Uhr 30 morgens geöffnet! Und wie um die Revanche einer Künstlerin, die zur Zeit ihrer ersten Single fast ein Jahr lang nach einer Plattenfirma suchen mußte, lauter erschallen zu lassen, hat ihr Schützling Alizée, 16 Jahre alt, die sie mit Laurent Boutonnat produziert, mehr als eine Million Exemplare von «Moi... Lolita» verkauft. Alles, was sie berührt, verwandelt sie in Gold: diese Rothaarige ist glühend... „Ich bin immer mein schlimmster Feind gewesen. Ich fliehe vor Spiegeln. Der Zweifel und meine Neurosen haben mich lange Zeit davon abgehalten, dem Leben zu trotzen.“ Anonym in der Menge, langbeinig, wie eine flammende Rose, streift sie durch die Straßen von New York. SoHo, Chelsea, hier kennt sie jeden Winkel, jede Boutique. Sie hegt eine fast schon religiöse Leidenschafft für Schuhe mit viereckigen oder spitzen Enden, «ihre Schuhe» («souliers»), die sie auf Möbelstücken wie wahre Kunstwerke ausstellt. Sie sagt «meine Gewänder» («habits») statt «meine Kleidung» («vêtements»), «(davon)gehen» statt «sterben». Kaum angekommen stürmt sie in das beste japanische Restaurant der Stadt und stürzt sich auf die Sushis, als wenn ihr Leben davon abhinge. Sonntag, Central Park. Sich auf eine Bank setzen. Die Passanten betrachten. Beobachten ohne gesehen zu werden. Die Eichhörnchen füttern. Auf einer Ecke eines Tischtuches mit chinesischer Tusche zu zeichnen, mit einer Handbewegung, schmale, hochgewachene Figuren/Kreaturen mit schweren Brüsten. Keine Bezugs-/Orientierungspunkte zu haben. Die einfachsten Dinge werden außergewöhnlich. Freiwillige Geisel ihrer Berühmtheit, verbringt sie ihre Tage in Paris, eingeschlossen in ihrem gewaltigen, halb-leeren Appartment, beobachtet hier die Welt, die sie umgibt, mit der Verwunderung einer zum Tode Verurteilten, die man gerade freigelassen hat. Sobald auch nur der kleinste Blick auf sie gerichtet wird, fühlt sie sich unwohl, und die Vorstellung, daß sie in Amerika niemand wiedererkennt, begeistert sie. Seine/ihre Identität verlieren. Sie genießt jede Sekunde davon, so wie andere die Krümel/Stückchen («miettes») der Berühmtheit genießen. Man hat ihr angeboten, ein Album in englischer Sprache zu machen. Sie hat abgelehnt. Vielleicht um noch eine Weile dieses andere Leben zu schützen. «Die wahre Provokation», sagt sie, «wäre die totale Stille.» Sie fällt nicht darauf herein: sie weiß, daß es sich um eine falsche Freiheit handelt und daß man sogar in den großen Räumen in Atemnot geraten kann. An der Grenze zum Ersticken, um ihren Atem wiederzufinden, um die Welt zu vergrößern, macht sie sich wieder daran, zu schreiben. Die Worte 2 zu drehen/winden, um sie zum Weinen zu bringen. Das ist ihre eigene Art, um zeitlose Dinge zu geben/vermitteln, oder sich zu überzeugen, daß sie es (ewig) sind. «Diejenigen, die meine Lieder hören, wissen sehr gut, wie ich bin.» Sie schreitet/geht, sie schreitet... Das einzige Problem mit Mylène ist, daß sie immer Fußschmerzen hat! Sie setzt sich auf eine Café-Terasse, zündet sich eine Mentholzigarette an. Die Augen geschlossen, schweigend wie eine Katze, verloren im Labyrinth ihrer Gedanken, atmet sie einen Sonnenstrahl ein, der zwischen zwei Wolkenkratzern hindurchscheint. Sie sucht nach Feuer, entdeckt ein Feuerzeug in der Hand eines Kunden/Gastes, deutet eine Bewegung an, besinnt sich eines anderen. «Ich würde es niemals wagen!» Mit einer leisen, sanften Stimme bestellt sie eine Coca, die sie nicht trinken wird. Als der Ober sie bittet, die Bestellung noch einmal zu wiederholen, erbleicht sie. Im gleichen Augenblick, Tausende von Kilometern entfernt, jenseits der Ozeane, stehen sich ihre Fans vor ihrer Tür die Beine in den Bauch. Geduldig. Paris. Ein Punkt am Horizont. Paris glas-/graugrün, deprimierend. Paris mit Schädeln von Typen im Zustand der gerichtlichen/rechtlichen Liquidation. Ihr gefällt es, zu sagen, daß sie niemanden kennt, was aber nicht wahr ist. Die Vorstellung, daß ihre Freundschaft mit Salman Rushdie – sie haben sich vor Jahren auf einer Vernissage des Malers Clemente in New York kennengelernt – überraschen kann, amüsiert sie. Als sie vor einigen Monate in Bercy auftrat, war er da. «Die Stimme eines gefallenen Engels.» Von einer Intelligenz weit über der durchschnittlichen, lebts sie nur in ihren Büchern, nur für die Bücher. «Geschichte des Auges» von Georges Bataille, «Ist das ein Mensch?» von Primo Levi, und «Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben» sind ihre Lieblingsbücher. «Das, was mich an der buddhistischen Philosophie anzieht, ist die Vorstellung, daß man, um das Leben schätzen zu können, erst den Tod akzeptieren muß.» Als große Bewunderin von Cioran, hat sie den ganzen Baudelaire und Edgar Poe gelesen, mag die abstrakte Malerei, Max Ernst und Egon Schiele. «Ich kann meine Inspiration nur in der totalen Idee/Vorstellung von Freiheit finden. Ich lehne es ab, mich zu zensieren.» In ihren Clips, Opfer oder Henker, die Augenblicke verfolgend («suivant les moments»), allen Fantasmen unterworfen, bietet sie uns von ihr nur ein zersplittertes Porträt von sich. Als ihr Clip «Je te rends ton amour» vom Fernsehen zensiert wurde, hat sie sie auf Videocassette zum Kauf angeboten und hat die Gesamtheit der Einnahmen der Sidaction (eine Aktion gegen AIDS; Anm. PM) zur Verfügung gestellt. Sie lehnt es ab, sich denjenigen gegenüber zu rechtfertigen, die ihre Zeit damit verbringen, ihr etwas zu unterstellen. Von Natur aus mißtrauisch, großzügig und beharrlich, ist das größte Geschenk daß sie einem machen kann, nachdem sie einen lange Zeit beobachtet hat, einem ihre Freundschaft anzubieten. Von einer ungewöhnlichen Sensibilität, leicht zu erschrecken/einzuschüchtern, kann sie ohne ein Wort, ohne eine Erklärung, von jetzt auf sofort davonfliegen/verschweinden. Auf der Suche nach einem Ideal träumt sie von einem Ideal, wo man noch wahnsinnige/rasende Liebe lebt. Sie liebt es, wenn man ihr schöne Liebesgeschichten erzählt; sie hört sie sich in Apnoe wie Märchen an, die Augen weit geöffnet. Absolut hinreißend, findet sie sich selbst nicht hübsch. Unmöglich, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie mag sich weder von vorn noch im Profil, findet sich zu dünn und verbringt ihre Zeit damit, ihr Gesicht hinter ihren roten Locken zu verbergen. Sie betrachtet sich in Spiegeln, ohne sich zu sehen. «Ich war immer mein schlimmster Feind. Mit der Zeit versuche ich, mich etwas toleranter zu betrachten.» Weil sie sich nicht erträgt, will sie Kino machen, einschlafen und in der Haut einer anderen aufwachen. «Ich warte, daß ein Regisseur Lust auf mich hat.» Kinosüchtig ist sie in der Lage, sich den gleichen Film 20 Mal anzuschauen, dabei Schokolade essend. Sie liebt Jane Campion, Polanski, David Lean und Bergman, offensichtlich. «Der Zweifel und meine Neurosen haben mich lange Zeit davon abgehalten, mich dem Leben zu stellen.» Wie alle große Künstler(innen) zweifelt sie an sich und ihrem Talent. Diese dauernde Suche nach sich, diese seit Anbeginn der Zeit unbeantwortet gebliebenen Fragen, diese Unsicherheiten, mit denen sich die ganze Welt identifiziert, erklären, warum seit «Maman a tort» vor fünfzehn Jahren, ihr Publikum ihr einen fast schon religiösen Kult widmet (sie hat mehr als 10 Millionen Alben in französischer Sprache verkauft (Anm. PM: ich denke, es waren eher 10 Mio PLATTEN/CDs, also Alben zusammen mit den Singles) Ihre letzte Platte, «Innamoramento» – sich verlieben auf Italienisch – hat sich mehr als eine Million Mal verkauft.) Ein solcher Erfolg basiert nicht auf Zufall. Um sich vor den anderen und eventuell vor sich selbst zu schützen, hat sie eine Leinwand aus Rauch zwischen sich und der Welt errichtet; aber sie kann, wenn es sein muß, auch eine wahre Kampfmaschine sein. Ich habe sie beim Training für ihre letzte Tour gesehen, ein weißes Tuch um ihren Hals, den Kopf gesenkt, sich in großen Schrit- 3 ten/Sprüngen in den Kulissen bewegend, wie ein Stierkämpfer in der Arena, eine Myriade von Assistenten folgt ihr. «Mylène, bei „Dessine-moi un mouton” brauche ich Ihre Meinung, um die T-Shirts zuzuschneiden» «Mylène, Mylène...» Wirkliche Managerin kontrolliert sie ihre Shows bis ins kleinste Detail mit der selben sanften Stimme, mit der sie eine Cola bestellt, von den Bildern auf den Leinwänden bis zum Konzept des Bühnenbildes. Sie ist in der Lage, beim Betreten einer Bühne mit einem Blick zu beurteilen, daß ein Platz nicht groß genug ist. Sie läßt ihn abbauen um ihn in einem Augenblick besser wiederzuerrichten. In ihren Logen gibt es niemals ein Photo von ihr. Nur zwei Lava-Stücke und eine kleine alte Silberdose, die auf einem Tisch liegen. Trotz ihrer schwarzen ??? («guêpières»), ihrer kniehohen Stiefel und ihrer falschen Wimpern, ist Mylène vor allem ein wunderschöner Blick. Es ist auch ein Lachen, falsche Lacher für/über ein Nichts, aus denen sie erschöpft hervorkommt. Zwei Frauen leben in ihr, in einem zerbrechlichen Gleichgewicht. Eine in der Finsternis, eine im Licht. Dieses Licht, von dem sie früher wußte, daß sie sich nicht aufhalten könnte. «Die Bühne ist ein Abgrund, der einen in die Höhe hebt.» Mit Alizée, ihrem kleinen 16jährigen Schützling, spielt sie Puppe. Um der außergewöhnlichen Operation der Veröffentlichung ihres letzten Albums «Mylenium Tour» zu entgehen, ist sie ans Ende der Welt geflohen, um sich zu verstecken. Verloren in ihren Tiefen, immer zwichen Lachen und Tränen, schreitet sie in ihrem Leben auf der Rasierklinge voran. «Ich habe mein Leben damit verbracht, das Außergewöhnliche zu suchen. In der Bibel steht: „ Jesus verabscheut die Halbherzigen.“ Das Halbherzige tötet mich. Ich habe nicht die Absicht, zurückzutreten/mein Amt niederzulegen.» Quelle: http://www.parismatch.com/news/mylene0712/artnews01__self.stm