Mit dem „Passenger“ durch die Innere Mongolei (1995 – 2005)
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Mit dem „Passenger“ durch die Innere Mongolei (1995 – 2005)
DAMPF und REISE Mit dem „Passenger“ durch die Innere Mongolei (1995 – 2005) FOTOs: stefan pfütze (o.), armin schmolinske (l.), Robin Garn (u.), fahrkarten: Slg. garn 60 Unterwegshalte auf 943 Ost-West-Kilometer und eine Fahrzeit von rund 23 1/2 Stunden. Ein täglicher Staffellauf mit sechs Lokomotiven der chinesischen „Fortschritt“-Reihe. Der letzte von Dampflokomotiven gezogene Fernreisezug auf der Welt durchmaß die Weite der Innere Mongolei mit 40 Kilometern in der Stunde – bis vor zehn Jahren. Stefan Pfütze nimmt die BAHNEpoche-Leser noch einmal mit … 1 Blecherne Bettkarten und einen Topf Instant-Nudelsuppe … dann kann unsere Reise ja losgehen. Passend dazu die Fahrkarte für den Schlafwagen von Tongliao nach Galadesitai (P 713, 19. Januar 2000). Unten die Sitzwagen-Karte Chabuga – Tongliao (P 6051, 24. Januar 2005). 2 Dahinten kommt er … Endlich taucht die Dampffahne der QJ 6633 vor dem Reisezug 6052 im Grasland der Inneren Mongolei beim einsam gelegenen Bahnhof von Xinghe auf – an diesem Morgen, dem 9. Januar 2003, rund 90 Minuten verspätet und von einigen Fahrgästen erwartet, die hier bei minus 25 Grad ausharren. Auch am dritten Tagesanbruch in Folge hat unserer Fahrer von der kilometerweit entfernten Straße keinen Weg hierher gefunden. 3 Dem Ball entgegen! 29 Meter „Fortschritt“, wofür das Baureihenkürzel der QJ 6911 steht, dampfen vor dem Überland-Personenzug 6053 hinter Chabuga in den Sonnenuntergang. Man konnte die Uhr nach dem „Passenger“ stellen und das Motiv ausloten (23.1.2005). 76 BAHN Epoche · Winter 2016 Der Welt letzter Dampfreisezug DAMPF und REISE D er größte Hit der späteren Punk-Ikone Iggy Pop entstand 1977 in einem Westberliner Tonstudio. Der Titel: The Passenger. Auch wegen dieses Klassikers der jüngeren Musikgeschichte wurde der Interpret im Jahr 2010 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir Dampfloknarren – zumindest die, die bis zum weltweiten Finale nicht ohne täglichen Alltagsdampf auskommen konnten – bereits den wirklich letzten, existierenden, wahren „Passenger“ in unsere persönliche Ruhmeshalle schon lange aufgenommen! Bei unserem „Passenger“ handelte es sich um einen Personenzug, der seine Passagiere über eine Streckenlänge von 943 Kilometer sowohl in Sitz-, als auch in Speise- und Schlafwagen willkommen hieß und dessen Fortbewegung, seitdem er ab Ende 1995 auf seinerzeit ganz neu verlegten Gleisen rollte, ausschließlich der Dampftraktion oblag. Das Ganze fand bis zum Dezember 2005 täglich in den Weiten der Inneren Mongolei im Norden der Volksrepublik China statt. Nun, da sich das Ende der Dampfbespannung dieses Zuges zum zehnten Mal jährt, möchten wir sowohl an diesen letzten, weltweiten Fixstern der dampfgeführter Fernreisezüge erinnern, als auch meine ganz persönlichen Erlebnisse schildern. Jeder von uns Eisenbahnfreunden mag im Laufe seines Hobbylebens bestimmte Züge auserkoren haben, die ihn aus völlig unterschiedlichen Gründen so nachhaltig beeindruckten, dass sie sich bei ihm für immer verewigten oder er sie auflistete. Auf meiner, über Jahre sich immer weiter fortsetzenden Liste, steht nun am Schluss mit einem großen, letzten Ausrufungszeichen der Personenzug 6053/6052 Tongliao – Jining Nan und dessen Gegenzug 6051/6054 Jining Nan – Tongliao. Am Listenschluss deshalb, weil es danach nichts Vergleichbares mehr gab und auch nicht mehr geben wird. Als Abonnent der je nach der Menge der eintreffenden Informationen aus der Leserschaft unregelmäßig erscheinenden, britischen Broschüre World Steam brachte mir der Postbote im Mai 1996 die Ausgabe Nummer 105. Als ich dieses Heft als Betthupferl zum Tagesabschluss durchblätterte, fiel mir im China-Teil eine ungewöhnliche, mit Hand skizzierte Streckenkarte auf, bei der der Streckenverlauf mal nach links, mal nach rechts ging und dann aber auch einen kompletten, 360 Grad Kreis Die chinesische JiTong-Bahn 4 Unter Umgehung des Bahnknotens von Peking verbindet die 1995 fertiggestellte Strecke (943 km) den industriellen Nordosten mit dem rohstoffreichen Westen. 4 Bild aus der Gleismitte: Bei Diaojiaduan „schraubt“ Bernd Seiler das Tele drauf, nimmt den Drahtauslöser und richtet die Kamera im Gleis mit Schottersteinchen aus. Dann legt er sich neben das Gleis. Der Zug kommt und rasselt die leichte Steigung mit vielleicht 70 km/h hoch. Der Heizer sieht ihn, das Typhon gellt. Sie wissen nicht, was er weiß: er ist weg, wenn der Zug da ist. Die Dampfpfeife schreit auf. QJ 6911, laut Parole die beste in der Lok-Unterhaltung, stürmt an ihm vorbei. Er erheischt noch den Blick des Lokführers, der ihn kopfschüttelnd angrinst (16. April 2005). 1 3 10 12 5 6 11 9 Die Aussprache der QJ klang nun rhythmisch und gedämpft, wenngleich etwas abgehackt gegenüber unseren gewohnten deutschen Einheitslokomotiven und deren Abkömmlingen. 13 2 7 8 78 BAHN Epoche · Winter 2016 beschrieb. Sie hatte Ähnlichkeit mit dem Verlauf einer Achterbahn auf dem Jahrmarkt. Plötzlich war ich wieder wach und verschlang den Text zu dieser Skizze. Es handelte sich um die detaillierte Beschreibung des spektakulären Jingpeng-Passes, gelegen in der geographischen Mitte einer 1995 neu eröffneten Bahnlinie zwischen den nordchinesischen Orten Jining und Tongliao, kurz JiTong-Bahn genannt. Diese in Ost-Westrichtung, nördlich von Beijing verlaufende, 943 Kilometer lange, durchgehend eingleisig trassierte Hauptbahn wurde komplett im Auftrag und für Rechnung der Anrainerprovinzen, insbesondere der autonomen chinesischen Provinz Innere Mongolei gebaut, über deren Territorium vornehmlich die Trassierung führt. Beginnend auf einer Höhe von 183 Meter im Osten in Zhelimu bei Tongliao steigt die Strecke Richtung Westen bis zum höchsten Punkt mit 1513 Meter nahe der Station De Yi kontinuierlich an und endet in Benhong in der Nähe von Jining auf immerhin noch 1471 Metern über Meereshöhe. Die von der Trasse durch- 5 Die Küchencrew im Speisewagen des P713 staunt, als plötzlich eine „Langnase“ nebst Kamera in der Anrichte auftaucht (19.1.00). Chinesischer Buchfahrplan, gültig ab September 2003, für den P 6051 auf seinem Bespannungsabschnitt Daban – Chabuga (154 km, 3 Stunden 29 Minuten; inkl. eines zehnminütigen Wasserhaltes in Lindong). karte und FOTO: robin garn FOTO und dokument: bernd seiler querte Innere Mongolei gehört im bevölkerungsreichsten Land der Erde zu der am dünnsten besiedelten Provinz, deren Landschaft überwiegend von Sandwüste, Hügelketten und Grassteppe geprägt ist. Gebaut wurde die Linie ausschließlich für den Güterverkehr. Durch die zum Teil fast menschenleere Weite konnte der Personenverkehr nie eine Rolle spielen. Die Lage der Bahnhöfe wurde zum Teil weit ab menschlicher Behausungen geplant und gebaut. Winter 2016 · BAHN Epoche 79